Hermann Dechent, der Frankfurter Kirchenhistoriker
Hermann Dechent, der Frankfurter Kirchenhistoriker
Vortrag am 22. November 2012 vor dem Evangelisch-lutherischen Predigerministerium zu Frankfurt am Main
Einführung
Lohnt es sich heute noch, an Pfarrer und Konsistorialrat Dr. phil und Dr. theol. Hermann Dechent zu erinnern? Ich meine ja, und ich hoffe, dass ich Sie mit dem Folgenden davon überzeugen kann. Als ich im Jahre 1966 meine Tätigkeit beim damaligen Gemeindeverband in Frankfurt am Main antrat, wurden mir zur Information zwei Werke zweier Frankfurter Pfarrer in die Hand gedrückt: „Der Kübel” und „Der Dechent”. Gemeint waren „Das evangelische Kirchenrecht von Frankfurt” von Johannes Kübel und „Die Kirchengeschichte von Frankfurt am Main” von Herrmann Dechent. Das eine enthielt das frühere Frankfurter Kirchenrecht und kommentierte mancherlei Regelungen aus alter Zeit, die damals noch galten. Das andere erzählte die Geschichte der Frankfurter evangelischen Kirche. Dechents Werk ist nach wie vor die einzige umfassende Darstellung dieser Geschichte. Auch wer sich heute mit ihr befasst, kommt nicht ohne „den Dechent” aus. Schon deshalb gehört Hermann Dechent in eine Vortragsreihe wie die unsrige.
Dechents Wurzeln
Seine Vorfahren waren um 1570 aus den spanischen Niederlanden nach Rheinhessen eingewandert. Sein Vater Johannes Dechent (1789-1873) hatte in Utrecht studiert und dann in Westhofen eine Pfarrstelle erhalten, die er nicht mehr verließ. Vorher hatte er 1815 mit den holländischen Jägern gegen Napoleon gekämpft. Während der Revolution 1848/49 entkam er knapp zwei Mord-Anschlägen und einem Attentat (was der Unterschied ist, konnte ich nicht ergründen). Seine Frau, Marie Wilhelmine (1817-1901) war eine Tochter des Frankfurter Arztes und Sammlers von Inkunabeln (Erstdrucken) Georg Kloß. Die Familie Kloß besaß das Frankfurter Bürgerrecht und war u. a. mit den Goethes verwandt. So hatte Johannes Dechent mit der Eheschließung das Frankfurter Bürgerrecht erworben, war also ein echter Eingeplackter, auch wenn er hier gar nicht lebte. Um bei Hermann Dechents historischen Wurzeln zu bleiben, springen wir zunächst zu seiner eigenen Heirat. Am 17. September 1878 heiratete er Rosa Finger, ebenfalls ein Frankfurter Bürgerstochter. Unter deren Vorfahren findet man die traditionsreichen Frankfurter Namen Textor, Staedel, Starck und ebenfalls Goethe. Die Fingers hatten ein umfangreiches Familienarchiv, das eine unerschöpfliche Quelle für Hermanns Forschungen wurde.
Dechents Zeit
Dechents Leben fällt in eine Zeit der Umbrüche. Das Jahr 1866, in dem er nach Frankfurt kam, war das Jahr des Krieges zwischen Preußen und Österreich, d.h. eigentlich dem Deutschen Bund. Frankfurt wurde von Preußen annektiert und verlor seine Selbständigkeit. Aus dem Sitz des Deutschen Bundes wurde eine preußische Provinzstadt. Die Frankfurter konnten das lange nicht verwinden. Allerdings profitierte Frankfurt von den folgenden Gründerjahren und wurde die reichste Stadt Preußens. Erkauft wurde das mit Industriealisierung und Proletariat. Auch die politische Landschaft änderte sich, aber nur langsam, gemessen an den sozialen Veränderungen.In Preußen galt das Dreiklassenwahlrecht, also ein an Besitz und Einkommen orientiertes Wahlrecht. Ein Frauenwahlrecht gab es noch nicht. Die Folge war, dass ein Großteil der Frankfurter Bevölkerung politisch nicht vertreten war. Von 1870 bis 1876 gab es in 11 von 14 Wahlbezirken keine Wahlberechtigten, 1878-1894 in 7 von 14 Wahlbezirken. In diesen städtischen Bezirken gab es also niemanden, der soviel besaß, dass er wählen durfte. 1884 schickte Frankfurt erstmals einen Sozialdemokraten in den Reichstag, erst 1902 einen in die Stadtverordnetenversammlung. Politisch dominierten die verschiedenen Fraktionen der Liberalen. Die Frankfurter Gesellschaft war eine des Besitzbürgertums. Hier lebte Dechent und passte mit seinen Interessen hinein. Über die großen sozialen Probleme oder aktuelle politische Fragen findet man aber nicht viel. Kirchlich gab es neben den reformierten Gemeinden immer noch eine lutherische Stadtgemeinde mit 6 Kirchen und schließlich 12 Pfarrern. Jedes Gemeindeglied suchte sich seinen Pfarrer aus. Erst 1899 wurden Ortsgemeinden geschaffen und 1904 die Kirchensteuer eingeführt. Die Frankfurter Kirche war also im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts weder strukturell noch finanziell den gesellschaftlichen Veränderungen gewachsen. Der 1. Weltkrieg war eine Belastung für Bevölkerung und Kirche in einem nicht gekannten Ausmaß. Die Abschaffung der Monarchie stellte das bisherige Weltbild auf den Kopf. Neue, noch ganz andere, Belastungen ergaben sich durch die diversen Wirtschafts- und politischen Krisen der Weimarer Republik. 1933, zwei Jahre vor Dechents Tod ergriffen die Nationalsozialisten die Macht.
Dechents Lebenslauf
Am 15. September 1850 wurde in Westhofen Georg Jacob Friedrich Paulus
Hermann Dechent geboren. Der kleine Hermann besuchte zunächst von
1856-1859 die Volksschule in Westhofen, erhielt dann von 1859-1863
Privatunterricht von seinen Eltern und wechselte mit 12 ½ Jahren 1863
in die Untersekunda des Wormser Gymnasiums. Dort legte er 1866 mit 16
Jahren die Reifeprüfung ab, erhielt aber wegen seines niedrigen Alters
nicht die Universitätszulassung. Deshalb und, um ein auch in Preußen
gültiges Reifezeugnis zu bekommen, folgte dem noch einmal die Oberprima
auf dem Frankfurter Gymnasium. Das Abitur legte er als „primus omnium”
ab. In diesem einen Jahr wurde ihm, auch durch die verwandtschaftlichen
Beziehungen, Frankfurt zur Heimat. Ab 1868 studierte er in Heidelberg
und Göttingen Theologie, war Mitglied der nichtschlagenden
Burschenschaft „Germania” in Göttingen, legte 1871 in Frankfurt das
erste theologische Examen ab und 1872 das zweite. Nach seiner Ordination
Weihnachten 1872 war er bis 1879 Prediger am Versorgungshaus in der
Hammelsgasse. Wegen der schlechten Bezahlung und weil er seine
verwitwete Mutter und eine Schwester im Haushalt hatte, verdingte er
sich daneben 1871/72 als Hauslehrer beim Freiherrn von Leonhardi und von
1873 bis 1875 beim Druckereibesitzer August Ostererrieth. 1873 wurde er
in Jena zum Dr. phil. promoviert, mit einer philosophischen Arbeit über
das I., II. und XI. Buch der sibyllinischen Weissagungen, einer antiken
Orakelsammlung. 1875 brachte ihm eine siebenwöchige Italienreise die
antike Welt näher, und die Beschäftigung mit der Frankfurter Geschichte
wurde immer intensiver. Früchte dessen waren Vorträge und
Veröffentlichungen.
1879 wurde Dechent Pfarrer an der Paulskirche und wechselte 1891 an die
Weißfrauenkirche.
Seit 1879 gehörte er dem Vorstand des Frankfurter Vereins für Geschichte
und Altertumskunde an.1896 wirkte er an der Gründung eines
Kirchenbau-Vereins, der dann die Matthäuskirche als Tochter der
Weißfrauenkirche baute. 1897 wurde er Mitglied der Schuldeputation, kam
dann in den Bezirkssynodalvorstand und 1906 in das Konsistorium. 1908
folgte eine zweite Italienreise. Ab 1888 gab er auch den Frankfurter
Kirchenkalender heraus. 1909 war er an der Gründung des Jerusalemvereins
beteiligt. Er führte in Frankfurt musikalische Abendandachten ein. Seine
vielseitigen Interessen schlugen sich auch in den Mitgliedschaften im
Gustav-Adolf-Verein, im Wartburgverein (für Jugendarbeit), im
Evangelischen Bund, im Sittlichkeitsverein und im Tierschutzverein
(1891 im Vorstand) nieder. Ab 1914 leistete er Seelsorge in
Lazaretten.1915 erhielt er den Ehrendoktor der Theologischen Fakultät
der Universität Marburg. Er trat 1924 in den Ruhestand und verstarb
am 19. November 1935. Dies alles war nicht denkbar ohne seine
tatkräftige Ehefrau, die ihm in Familie und Gemeinde vieles vom Halse
hielt. Die Dechents hatten zwei Töchter (Johanna * 2.7.1879 und Caroline
(* 2.7.1883 + 8.7.1951) und einen Sohn (Friedrich Carl Ludwig *
9.6.1885). Beide Schwiegersöhne fielen im 1. Weltkrieg. Caroline
Cornill-Dechent war eine in Frankfurt bekannte Künstlerin, von der
einige Werke in Frankfurter Kirchen zu finden waren.. Seit dem Wechsel
in die Weißfrauengemeinde wohnte die Familie in der Niedenau 58, im
Ruhestand in der Brentanostraße 21.
Dechents Persönlichkeit
Dechent war ein kleiner, zierlicher Mann, der für den Militärdienst nicht geeignet und im Krieg 1870/71 Lazarettgehilfe in Worms war. Seine Stimme war nicht kräftig genug, um auf Dauer in der akustisch schwierigen Paulskirche zu predigen, weshalb er an die kleinere Weißfrauenkirche wechselte. Johannes Kübel hat ihm in seinen Erinnerungen ein schönes Denkmal gesetzt: „In ganz außergewöhnlichem Maß hatte sich bei ihm der Geist den Körper gebaut. Umgekehrt war der Geist Spiegel und Ausdruck der Körperlichkeit: äußerst fein organisiert, zierlich, empfindsam, manchmal mimosenhaft ängstlich und auf sich selbst bedacht.” Und doch hätten ihn auch schwere Widrigkeiten nicht umwerfen können. Damit und mit seinem milden, abgeklärten Urteil sei er vielen Menschen Berater und Vorbild gewesen. Seine Fehler und Schwächen habe er gekannt und gelegentlich gesagt: „meine Fehler tun den anderen nicht weh”. So sei er ein Frankfurter Original im besten Sinne gewesen und die Verkörperung der Frankfurter Tradition von Ende des 18. Jahrhunderts bis zu seinem Todesjahr 1935. 1
Der Theologe Dechent
Hermann Dechent war ein liberaler Theologe. Er war freiheitlich und
kritisch gesinnt und hätte nach Kübel sicher der Bekennenden Kirche
angehört. Aber er schätzte auch die Mystiker sehr und sah in ihnen „
einen unerschöpflichen Schatz innerer Frömmigkeit”2. Er sah, wie groß
die Kluft zwischen Christentum und moderner Bildung war und dass viele
meinten, der Glauben passe nicht mehr in die aufgeklärte Gegenwart. Die
Ursache lag für ihn darin, dass man den Glauben nur von der
erkenntnistheoretischen Seite auffasse, als Annahme gewisser
dogmatischer Formeln ohne oder wider alle Vernunft. Dies hielt er für
falsch, weil es beim Glauben um den ganzen inneren Menschen gehe. Dabei
berief er sich auf Fichte Schleiermacher und andere. Von dort her
vertrat er
einen Idealismus mit national-patriotischen Akzenten, wie er dann von
Karl Barth und seinen Anhängern strikt abgelehnt wurde.3 Trotz dieser
Grundhaltung konnte er beispielsweise in einer Ansprache anlässlich der
Sedanfeier am 2.9.1880 die gefallenen deutschen und französischen
Krieger wegen ihrer Ideale und ihres Opfermutes gleichermaßen positiv
würdigen4. 1914 ließ er sich auch von der vaterländischen Begeisterung
mitreißen. In der Interpretation von Römer 12, 11 (Seid nicht träge in
dem, was ihr tun sollt. Seid brünstig im Geiste. Schicket Euch in die
Zeit) sah er den Krieg als Erzieher, nach Gottes Willen und auf Gottes
Willen hin5. Nach dem Krieg nannte er in einer Predigt am 18.1.1920
(Reichsgründung 1871) den Friedensschluss eine bittere Enttäuschung und
Versailles die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln6. Bei der
Verfassungsfeier am 11.8.1923 bejahte er die Weimarer Republik von einem
vernunft-republikanischen Standpunkt her. Dazu brachte ihn der Vergleich
mit dem Chaos vorher und die den Kirchen mit der Weimarer Verfassung
eingeräumte Position im Staat7. Dechent ging geistig mit der Zeit mit,
er war feinsinnig und doch kritisch. Trotz all dem war Dechent in erster
Linie Gemeindepfarrer. Er machte viele Hausbesuche, hatte viele
persönliche Kontakte, arbeitete alle Predigten schriftlich aus. Im
Kreise der Kollegen trat er für Verständigung, Frieden und Freiheit ein.
einen Idealismus mit national-patriotischen Akzenten, wie er dann von Karl Barth und seinen Anhängern strikt abgelehnt wurde.8 Trotz dieser Grundhaltung konnte er beispielsweise in einer Ansprache anlässlich der Sedanfeier am 2.9.1880 die gefallenen deutschen und französischen Krieger wegen ihrer Ideale und ihres Opfermutes gleichermaßen positiv würdigen9. 1914 ließ er sich auch von der vaterländischen Begeisterung mitreißen. In der Interpretation von Römer 12, 11 (Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brünstig im Geiste. Schicket Euch in die Zeit) sah er den Krieg als Erzieher, nach Gottes Willen und auf Gottes Willen hin10. Nach dem Krieg nannte er in einer Predigt am 18.1.1920 (Reichsgründung 1871) den Friedensschluss eine bittere Enttäuschung und Versailles die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln11. Bei der Verfassungsfeier am 11.8.1923 bejahte er die Weimarer Republik von einem vernunft-republikanischen Standpunkt her. Dazu brachte ihn der Vergleich mit dem Chaos vorher und die den Kirchen mit der Weimarer Verfassung eingeräumte Position im Staat12. Dechent ging geistig mit der Zeit mit, er war feinsinnig und doch kritisch. Trotz all dem war Dechent in erster Linie Gemeindepfarrer. Er machte viele Hausbesuche, hatte viele persönliche Kontakte, arbeitete alle Predigten schriftlich aus. Im Kreise der Kollegen trat er für Verständigung, Frieden und Freiheit ein.
Dechent als Geschichtsschreiber
Dechent war kein gelernter Historiker, aber sehr produktiv als Geschichtsschreiber. Man kann von 1000 aber auch von 400013 schriftlichen Veröffentlichungen, Vorträgen und Ansprachen lesen. Ich möchte allerdings nicht ausschließen, dass in dieser Zahl zumindest ein Teil seiner Predigten enthalten ist; denn diese werden auch gerne zitiert. Geht man unbefangen an Dechents Arbeiten heran, dann fällt der erzählerische Stil auf. Da ist er ganz Kind des 19. Jahrhunderts. Andere Hobbyhistoriker wie Felix Dahn mit „Ein Kampf um Rom” oder Gustav Freytag mit „Die Ahnen” und „Soll und Haben” entführten eine breitere Leserschaft in die Vergangenheit. Von Freytag stammen auch die „Bilder aus der deutschen Vergangenheit”, die den Alltag schilderten, lange bevor die Historiker vor 30/40 Jahren die Alltagsgeschichte wieder zu entdecken meinten. Dechents historische Arbeiten könnte man so auch „Bilder aus dem alten Frankfurt” nennen. Als Beispiel möchte ich Ihnen den Anfang seines Aufsatzes „Ein Tag zu Frankfurt aus Goethes Jugendzeit ( FKK 1905, S. 21 ff.) vorlesen:
„Wir suchen den Senior des lutherischen Predigerministeriums auf an dem
Tage, an dem er seine Abschiedspredigt hier gehalten hat – es war
der 16. Juni 1686. Wir komme von Friedberg her in einem bescheidenen
Reisewagen, wie ihn einst Dr. Martin Luther benützte, als er 1521 nach
Worms zum Reichstage zog. Vor unseren Augen liegt die gefeierte Stadt am
Untermain, des Deutschen Reiches Wahl- und Krönungsstadt. Ein schöner
Anblick bietet sich uns dar, indem das Weichbilds von Frankfurt hier zum
ersten male vor uns auftaucht. Wir sehen die großen Festungsmauern mit
ihren über 60 Türmen, die bis auf den Eschenheimer Turm und den
Kuhhirtenturm in Sachsenhausen der zeit zum Opfer gefallen sind. Vor
allem aber grüßt den Wanderer, damals wie heute4, wenn er von Norden
kommt, der Pfarrturm, das ehrwürdige Wahrzeichen der Stadt. Bis zum
Eintritt in das Friedberger Tor stoßen wir auf unserem Wege kaum noch
auf ein Wohnhaus, denn Frankfurt ist vor den Pforten nach allen Seiten
hin nur von Gärten und Äckern umgeben.
Wir treten ein durch das Friedberger Tor, nachdem wir uns genügend
legitimiert haben; denn es ist eine unruhige Zeit, in der man sorgfältig
auf alle paßt, die aus- und einkehren. Unser Weg nach dem Senioratshause
führt uns zunächst über die Schäfergasse nach der Zeil. Diese stattliche
Straße bildet die Grenze zwischen der Neustadt, die wir zuerst betreten
haben, und der Altstadt, in der wir Spener aufsuchen wollen. Ehe wir
durch die Katharinenpforte kommen, bewundern wir noch die neuerbaute
Katharinenkirche, die erst seit 6 Jahren an die Stelle einer baufälligen
Doppelkapelle gleichen Namens getreten ist. Dieses 1680 eingeweihte
evangelische Gotteshaus wurde damals so bewundert, daß Worms und Speyer
nach einiger Zeit den Baustil bis in die Einzelheiten nachahmten. Wohl
war dieses Gotteshaus nicht die Hauptstätte von Speners
Predigttätigkeit, da er als Senior hauptsächlich an der damaligen
Hauptkirche, der Barfüßerkirche, predigte. Aber er hat sein Interesse an
der Kirche auch dadurch kundgegeben, daß er (aller Wahrscheinlichkeit
nach) die eigenartigen Bilderzyklen an den beiden Emporen des
Gotteshauses selbst entworfen hat. Wir kommen nun durch die
Katharienenpforte in die Altstadt, das heißt den Teil Frankfurts, der
mit den sogenannten Graben, dem Hirschgraben, dem Holzgraben, dem
Wollgraben und dem Baugraben, bei der ersten Stadterweiterung umgeben
worden war. Wir wandern weiter über den Kornmarkt und freuen uns im
Vorübergehen an dem prächtigen, im gotischen Stile erbauten Stammhause
des Stalburger Geschlechts, das am Ende des 18. Jahrhunderts abgebrochen
wurde, um der zu erbauenden Kirche der deutschen Reformierten Platz zu
machen. Wir grüßen dann aus einiger Entfernung die Lutherherberge zum
Strauß, an der Ecke der Buchgasse, in der Dr. Martin Luther vor und nach
dem Reichstage zu Worms (1521) abgestiegen war, und wir treten dann, zur
linken Hand abbiegend, in die enge Barfüßergasse ein, an deren Ende sich
rechts das Senioratshaus befindet.
Dieses Haus steht dicht an der alten, schon damals ziemlich baufälligen
Barfüßerkirche. Sie hatte 1669 eine Erneuerung erlebt, und der Turm war
1685 durch einen größeren ersetzt worden. Diese Kirche hat auch zu
Speners Zeit eine neue Orgel erhalten, welche die seltsame Inschrift
erhielt: „Dieses Werk setzte die Bürgerschaft nicht sowohl aus Liebe zur
Kunst, als zur wahren Religion.” Von ähnlicher Engherzigkeit der Kunst
gegenüber zeugt der Widerstand gegen ein jetzt in dem historischen
Museum befindliches, damals in der Barfüßerkirche angebrachtes Gemälde
des jüngeren Matthaeus Merian, das man als „calvinistisch” bezeichnete,
weil bei der Darstellung der Auferstehung Christi die Frauen am Grabe,
wie auch das Kreuz und die Fahne fehlten. Die Barfüßerkirche war in
jener Zeit die evangelische Hauptkirche, während der Dom, der auch
vorübergehend (1533-1549) einmal den Lutheranern zugeteilt war, der
katholischen Konfession verblieben war.
Wir betreten nun die Stätte, an der Spener 20 Jahre lang geweilt, die
Stätte, von der einst auch jene pia desideria (die frommen Wünsche)
ausgegangen sind, die den Anstoß zu der kirchengeschichtlich und
kulturgeschichtlich so bedeutsamen Bewegung des Pietismus gegeben haben.
Das Senioratshaus besteht heute nicht mehr, so wenig, wie die
Barfüßerkirche, an deren Stelle die Paulskirche getreten ist. Als man
das Senioratshaus im 19. Jahrhundert niederlegte, wurde an dessen Stelle
ein lutherisches Pfarrhaus errichtet, das aber auch in der neuen Zeit
dem großzügigen Rathausbau zum Opfer fallen mußte. Wir treten nun mit
Ehrfurcht in das Studierzimmer Speners. Wohl ist es noch sehr frühe;
allein der unermüdliche Mann ist schon lange an der Arbeit. Wir wollen
ihn aber nicht stören, denn er liest eben noch einmal das Konzept seiner
Abschiedspredigt, die er nachher in der Barfüßerkirche halten wird. Hat
doch Spener im Frühjahr 1686 einen Ruf nach Dresden als Hofprediger
angenommen, nachdem er 20 Jahre (von 1666-1686) in Frankfurt als Senior
gewirkt hat. So will er denn seiner Gemeinde ein letztes Wort sagen, ehe
er die Stadt für immer verlassen wird. Und wenn der Senior schon
überhaupt in den Morgenstunden keinerlei Besuch annimmt, so wird er
heute gewiß dazu nicht willig sein, sich stören zu lassen. Selbst seine
Gattin, die er aus der gemeinsamen Heimat, dem Elsaß, mit nach Frankfurt
gebracht hat, würde nicht wagen, ihn zu unterbrechen, da sie in
rührender Weise ihrem verehrten Herrn Doktor, den sie mit Sie anredet,
alle Sorgen abzunehmen sucht. So müssen wir, wohl oder übel, dem Senior
über die Schultern sehen, um einen Einblick zu erhalten in das
Manuskript, das vor ihm liegt.
Doch ehe wir die Abschiedsrede einsehen, richten wir den Blick auf den
Schreibenden selbst.Wenn wir die Züge, wie sie Johann Georg Wagner uns
in Oel dargestellt und Kilian gestochen hat, genauer ansehen, fühlen
wir, auch ohne uns auf die Kunst der Physiognomik zu verstehen, wie uns
das Wesen dieses Mannes aus seinem Antlitz klar entgegentritt. Der
Ausdruck seiner Gesichtszüge ist überaus gütig, ganz der Gesinnung
Speners entsprechend. Der Eindruck einer unbedingten Zuverlässigkeit
tritt uns bei seinem Anblick entgegen. Daneben aber bemerkt man unschwer
in seinem Antlitz einen Zug von Ängstlichkeit, wie er gerade bei
gewissenhaften Menschen nicht selten ist und sich aus dem Gefühle hoher
Verantwortlichkeit erklärt….”
In der Verbindung von Bildung und Unterhaltung erweist sich Dechent als guter Pädagoge.Dabei arbeitete er wissenschaftlich, d.h. seine Darstellungen ergaben sich aus seinen Forschungen, und die Quellen wurden genannt; allerdings nicht in einem Umfang, wie das heute üblich ist. Dabei hatte er Zugang zu Dokumenten, die heute nicht mehr existieren. Man kann sich auf Dechents Darstellungen verlassen.
Dechents Thema ist Frankfurt. Deshalb behandelte er nicht nur die Geschichte der evangelischen Kirche hier, sondern auch andere Bereiche der Frankfurter Geschichte. Entsprechend groß war die Spannweite seiner Themen. Als Hauptveröffentlichungen könnte man nennen:
Geschichte der von Antwerpen nach Frankfurt verpflanzten
Niederländischen Gemeinden Augsburger Konfession, 1885, begr. Von Senior
Georg Steitz.
Goethes schöne Seele. Susanna Katharina Klettenberg, 1896.
Herder und die ästhetische Betrachtung der Heiligen schrift, 1904.
Kirchengeschichte von Frankfurt am Main, Bd. I 1913, Bd. II 1921.
Als er an der Paulskirche war, beschäftigten ihn vor allem das 17. und 18. Jahrhundert. Das weitete er später aus. Ein besonders liebes Thema war ihm die Goethezeit, vor allem die Zeit des jungen Goethe. Das führte etwa zu dem umfangreichen Werk über Susanna Katharina Klettenberg, einer dem Pietismus zuneigenden Frau, bei der Goethe nach seiner Rückkehr aus Leipzig Halt fand.
Fazit
Hermann Dechent war Kind einer uns kaum noch bekannten Zeit.Vor allem durch den 2. Weltkrieg kann man von dieser Zeit nicht mehr viel sehen, kirchliche Archivalien jener Zeit gibt es auch kaum noch. So begegnet uns Dechent als ein kostbarer Zeuge des alten Frankfurt, das er noch gesehen hatte. Mit ihm wird eine ferne Zeit lebendig. Um so mehr müssen wir ihm danken, dass er so unermüdlich geschrieben hat.
Hermann Marhold – seit 1922 in Frankfurt, von 1926 1962 Pfarrer in der Johannesgemeinde - meinte 1950, dass Dechents Sache nicht die großen Problematiken der Geschichte gewesen seien, sondern die kleinen Einzelgeschehnisse, insbesondere auch einzelne Menschen. Die habe er aber immer im Rahmen des weiteren Zeitgeschehens gesehen14. Da er Kirchengeschichte als Frömmigkeitsgeschichte15 und als Kulturgeschichte gesehen habe, habe er auch den Blick für Dinge gehabt, die eigentlich nicht unbedingt zur Kirchengeschichte gezählt werden. Alle diese Details seien ihm ein Sinnbild für das Walten Gottes gewesen. So habe er im Besonderen das Gesamte aufleuchten gesehen16.
Lese ich Dechent, dann habe ich den Eindruck, es sei alles mit einer liebenden Feder gezeichnet. Das bedeutet nicht, dass er unkritisch war oder nur in die Vergangenheit verliebt. So schrieb er 1889 über einen Streit der Frankfurter Gelehrten Anzeigen mit dem lutherischen Predigerministerium und der Stadt. Und kurz vor seinem Tod erschien ein Gedicht in schlichten Reimen gegen die Deutschen Christen, die die Bibel von allem Jüdischen befreien wollen.
Zum Schluß möchte ich noch einmal Hermann Dechent zu Wort kommen lassen. Ich lese aus dem 2. Band S. 496 f.
Damit möchte ich schließen und hoffe, dass auch Sie mir zustimmen und jetzt sagen können, es lohnte sich die Beschäftigung mit Hermann Dechent.
Literatur
Cornill-Dechent, Caroline: Hermann Dechent 1850-1935. Der Frankfurter Pfarrer und Geschichtsschreiber, in: Dechent, Hermann (Hrsg. Jürgen Telschow): Ich sah sie noch, die alte Zeit. Beiträge zur Frankfurter Kirchengeschichte. Frankfurt am Main 1985, S. 2-8.
Dechent, Hermann (Hrsg. Jürgen Telschow): Ich sah sie noch, die alte Zeit. Beiträge zur Frankfurter Kirchengeschichte. Frankfurt am Main 1985.
Dienst, Karl: Geh. Konsistorialrat Pfarrer D. Dr. Hermann Dechent (1850-1935), in: Fischer, Roman (Hrsg.): Studien zur Frankfurter Geschichte B.d 44, Verlag Waldemar kramer, Frankfurt am Main 2000, S. 265-291.
Marhold, Hermann: Hermann Dechent als Kirchengeschichtsschreiber, in: Jahrbuch der Hessischen Kirchengeschichtkichen Vereinigung, 2. Band, Heft 1, 1950, S. 7-50.
Telschow, Jürgen/Reiter, Elisabeth: Die evangelischen Pfarrer von Frankfurt am Main. Frankfurt a. M. 2. Aufl. 1985